Stellen Sie sich vor, „materielle und immaterielle“ Traditionen und moderne Geschichte eines Volkes an einem einzigen Ort erforschen zu können. Diesen Ort gibt es in Nuoro und es handelt sich dabei um einen Gebäudekomplex, in dem das Museo della Vita e delle Tradizioni popolari sarde untergebracht ist, das früher ISRE (Istituto superiore regionale etnografico) hieß und die größte Völkerkundesammlung der Insel ist. Es wurde in den 50er bis 60er - Jahren auf dem Hügel von Sant’Onofrio nach den Plänen des Architekten Antonio Simon Mossa errichtet und ist heute einer der meist besuchten Museumskomplexe der Insel, da hier geschickt kulturelle und handwerkliche Sehenswürdigkeiten der Insel beleuchtet werden. Die Route führt durch drei in sechs Räume unterteilte Bereiche. „Live“ sind greifbar nah Spuren sardischer Kultur zu sehen: Alltags- wie auch Festtagskleidung von Beginn des 20.Jh., die auch anlässlich der Sagra del Redentore, dem wichtigsten Fest von Nuoro., getragen werden, mit tradtionellen Webstühlen hergestellte Textilartefakte, eine große Schmuck- und Amulettsammlung, Waffen und Hausrat, etwa 60 sardische Volksmusikinstrumente (darunter auch „Klangspielzeuge“) und Karnevalsmasken aus Holz, die mit archaischen heidnischen Riten verbunden sind, sowie Kuhglocken und Schaffelle. In Sonderräumen sind Masken, wie Thurpos und Eritaju aus Orotelli, Boes und Merdules aus Ottana sowie Mamuthones und Issohadores aus Mamoiada zu sehen. Im Museum sind auch kulinarische Spezialitäten aus alten Zeiten, wie über 600 traditionelle Brotarten ausgestellt, die zum Teil wahre Kunstwerke sind. Ein Saal mit Auditorium ist für Sonderausstellungen, Konzerte, Theatervorführungen und internationale Dokumentarfilmschauen vorgesehen. Besonders beeindruckend sind die ethnografischen Filme, die während der Kinobiennale des Filmarchivs gezeigt werden, und die Bilder aus dem Fotoarchiv der visuellen Anthropologie.

ISRE bedeutet auch „verbreitetes“ Musealsystem: Im Sitz in der am Stadtrand gelegenen Via Mereu, wird auch auf andere themenspezifische Museen in der Innenstadt verwiesen, die sich für eine Tour eignen, die Traditionen des gesamten Gebietes zu erforschen. Im historischen Stadtteil Seuna ist das Geburtshaus von Grazia Deledda, der wichtigsten Literaturstätte der Stadt, in der die Erinnerungen an jene Schriftstellerin bewahrt werden, die Sardinien auch über dessen Grenzen hinaus bekannt gemacht hat. Zudem kann man sich auch in die über 30.000 Werke der Ethnoanthropologischen, musealen Fachbibliothek vertiefen. Nuoro ist das sardische Athen, wo man einer reizvollen Kulturroute folgenden kann. Neben der Kathedrale Santa Maria della Neve, von wo aus man auch einen sehr schönen Ausblick hat, kann man den Ausstellungsraum Tribu und das Museum Ciusa besichtigen, in dem die Skulpturen von Francesco Ciusa ausgestellt sind, der bei der Biennale von Venedig (1907) gewonnen hat. Dieser Künstler, die Nobelpreisträgerin Deledda sowie die Literaten Salvatore und Sebastiano Satta machten die Stadt berühmt. Nahe davon ist das berühmte Kunstmuseum Man, das internationalen Sonder- und Dauerausstellungen sardischer Künstler des 20.Jh. gewidmet ist.