Die Corsa degli Scalzi, barfuß für einen Mythos

La Corsa degli Scalzi

Die Corsa degli Scalzi, barfuß für einen Mythos

Zwischen Ende und Anfang September wird in Cabras, auf der Sinis-Halbinsel, dieses festliche Ereignis begangen, das auf das 17.Jh. zurückzuführen ist: Es ist ein für Mittel-West-Sardinien besonders charakteristisches Fest
Sieben Kilometer barfuß, von Cabras bis zum „Westernort“ San Salvatore

Ein Menschenstrom. Neunhundert fromme Curridoris, Männer jeden Alters, die mit einer weißen, um die Taille mit einer Kordel gebundenen Kutte bekleidet sind, tragen barfuß auf ihren Schultern die Statue Santu Srabadori, die das Abbild des verklärten Heilands darstellt. Das „Heer des Heilands“ (Salvatore), unter der Führung eines Fahnenträgers, bewegt sich laufend von der Pfarrkirche Santa Maria Assunta in Cabras zum kleinen Ort San Salvatore di Sinis. Sieben Kilometer ohne Pause, gezeichnet von Schweiß, Staub, Tränen und tiefgreifenden Gefühlen. Das ist das Beeindruckende an der Corsa degli Scalzi, einem Fest des Glaubens und der Folklore, das 2019 im Morgengrauen des Samstags 31. August begangen wird. Es beginnt mit dem Gottesdienst. Danach folgt in feierlicher, reizvoller Atmosphäre die Prozession durch die Straßen des festlich geschmückten Ortes. Um 7.30 sind Is curridoris bereit und man kann es gar nicht erwarten, bis endlich die staubigen Schotterstraßen der Felder der Sinis-Halbinsel durchlaufen werden, während die Morgensonne langsam wärmer wird. Auf den Gesichtern der Läufer zeichnen sich Stolz und Verantwortungsbewusstsein ab, denn sie sind die „Beschützer“ der Dorfgemeinschaft von Cabras und Inbegriff von tiefem, spürbarem Glauben, der erstmals aufkam, als eine Gruppe von Fischern und Bauern des Ortes Anfang des 17.Jh. die Heiligenstatue vor sarazenischen Piraten rettete.

Donne di Cabras
Villaggio di san Salvatore - Cabras
Chiesa di santa Maria - Cabras
Reiz und tiefgreifende Gefühle, gezeichnet von Schweiß, Staub, Tränen und Freude

Die magische, berauschende Atmosphäre lädt sich mit dem nahenden Start des Laufes zunehmend auf. Los geht es am Ortsende von Cabras. Die Menge applaudiert dem Heiligen, der sich auf die „Reise“ bis zum Ort San Salvatore macht, wo bereits seit einer Woche gefeiert wird. Tag und Nacht durchströmt der Duft von Meeräsche und Spanferkel die staubigen Gässchen des kleinen Ortes, wo in den 60er und 70er Jahren des 20. Jh. Filmaufnahmen von so manchem „Spaghettiwestern“ gemacht worden waren. Um 8.00 warten Mütter und Schwestern, Frauen und Verlobte sehnlich auf die Barfüßigen. Angeregt wird das Verharren durch die Vernaccia, eine örtliche Weinspezialität, die an das Publikum ausgeschenkt wird. Einstweilen steht die Ankunft der 900 Läufer unmittelbar bevor. ‘Evviva Santu Srabadori’: Das von den Scalzi lautstark geschriene Loblied rückt immer näher. Der weiße, von einer riesigen Staubwolke gefolgte Strom kommt immer näher. Bei dessen Ankunft ertönen Böller, Applause und Weinen: Das Ritual läuft wie jedes Jahr ab und der Ort versinkt im Weiß der Kutten. Die Prozession wird fortgesetzt, begleitet von den Is Coggius - Gesängen zu Ehren des Heiligen - bis zu der im 17.Jh. errichteten kleinen Kirche San Salvatore. Am Tag danach, am ersten Septembersonntag, vor Sonnenuntergang kommt die Statue wieder „nach Hause“, wird also nach Cabras zurückgebracht, wo mit Andacht, zu den Noten der Launeddas, Tänzen und Vorstellungen ein weiteres Fest begangen wird. Im Mittelpunkt stehen Gerichte mit Bottarga (Rogen) aus Meeräscheneiern, dem „Gold von Cabras".

San Salvatore - Cabras
Donne in abiti tradizionali_Corsa degli Scalzi
Dettagli dei is curridoris_Corsa degli scalzi
Historisches Fest zur Erinnerung an die tapfere Verteidigung gegen die Sarazeneneinfälle

Die unvergleichlich schöne Küste von Cabras war, wenn auch von Weihern umgeben, die es vom Hinterland trennt, im 17.Jh. laufend Angriffen von Sarazenen ausgesetzt, die vom Meer an Land kamen. Daher auch die Ursprünge der Corsa degli Scalzi, einer historisch-religiösen Erinnerung an eine Episode im Jahre 1619, als sich die Ortsbewohner gegen die Invasionen der Mauren verteidigen mussten. Um sich vor dem Vormarsch zu schützen und die Statue des Srabadori zu retten, heckten die Bewohner von Cabras einen Plan aus. Um der langen Flucht gewachsen zu sein, banden sie sich Reisigbündel an die bloßen Füße, um so viel Staub wie möglich aufzuwirbeln und besonders zahlreich zu erscheinen. Die List funktionierte, denn die Sarazenen schreckte der Gedanke, einem großen Heer gegenüber zu stehen, ab und zogen sich zurück. Der Ort und die Statue wurden dank des Ungestüms jener gerettet, die als einzigen Ausweg nur mehr die Flucht vor Augen hatten. Seit damals wird jedes Jahr in Erinnerung an dieses wundersame Ereignis und um das Gelübde an den Heiligen zu erneuern das Ritual genauso wie einst wiederholt. Und das mit sehr strengen Regeln: Es nehmen 14 Gruppen Curridoris teil, die jeweils in 14 Scharen“ aus 5 Läufern unterteilt sind. Sieben laufen am Samstag und sieben am Sonntag. Das Schicksal entscheidet, wer den Heiligen nach San Salvatore hin - und wer ihn wieder nach Cabras zurückbringt.

Capo San Marco - Penisola del Sinis
Chiesa di san Salvatore - Cabras
Giganti Mont'e Prama - Museo Archeologico
Cabras und die Sinis-Halbinsel, überwältigende Natur und eindrucksvolle Mythen

Meer, Lagune, Wein und Gastronomie, Veranstaltungen, archäologische Ausgrabungsstätten, Museen und Freiluftsport. Während der Feierlichkeiten fehlt es nicht an Gelegenheiten, dieses Ereignis mit der Entdeckung der Naturschauplätze des Meeresschutzgebietes der Halbinsel Sinis und den unzähligen reizvollen kulturellen Anziehungspunkten zu verbinden. Das Gebiet von Cabras, das sich über mehr als 100 Quadratkilometer erstreckt, war einst die „Wiege“ aller Kulturen, die die Urgeschichte und Geschichte Sardiniens geprägt haben. Das wichtigste vorgeschichtliche Zeugnis ist die nuraghische Nekropole von Mont’e Prama, 10 km vom Ort entfernt, die eine der hervorragendsten archäologischen Entdeckungen des Mittelmeerbeckens ans Tageslicht gebracht hat: die über 5.000, heute wieder zusammengesetzten, Bruchstücke von ungefähr 30 Statuen von Kämpfern – Bogenschützen, Kriegern und Boxern - den berühmten Giganten von Mont’e Prama, die zum Teil im Archäologischen Museum von Cabras ausgestellt sind. Schon Tausend vor Christus existierte ein Wohngebiet dort, wo sich heute der Ort San Salvatore befindet. Auch ist die Besiedlung des Küstengebietes belegt, wo im 8.Jh.v.Chr. die Phönizier die Stadt Tharros gegründet hatten, die danach karthagische Kolonie und schließlich eine blühende römische Stadt wurde. Heute kann man vor der Kulisse des tiefblauen Meeres die Überreste besichtigen. Tharros war einst Hauptstadt des Judikats von Arborea, danach aufgrund der Pirateneinfälle um das Jahr Tausend verlassen und teilweise abgetragen, um im Hinterland Oristano zu errichten. In jener Zeit entstand auch der Ort, und Vorgänger von Cabras, Masone de Capras.

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